Verbraucherhinweise
Zurück in die Steinzeit?
Landwirtschaftlichen Wochenblatt Westfalen-Lippe
Die Gesellschaft ist kritisch geworden – insbesondere mit Blick auf die zunehmende Internationalisierung und Globalisierung. Zwar ist die Landwirtschaft im Vergleich zu anderen Branchen – denken wir nur an Banken, Versorgungs- oder Lebensmittelunternehmen – geradezu kleinstrukturiert. Umso erstaunlicher ist, dass das Thema „Wachstum“ und Strukturwandel nirgendwo anders so kritisch verfolgt wird wie in der Landwirtschaft.
Im Zentrum der Kritik stehen größere Stallbauten, aber auch Windkraft- oder Biogasanlagen. Wer bauen will, steht am Pranger. Längst gilt nicht mehr, dass derjenige „aus dem Schneider“ ist, der eine Genehmigung vorzuweisen hat. Vielmehr beginnt der „Stress“ erst danach – wenn sich Bürgerinitiativen bilden, Anlieger zusammentun und dabei von erklärten Gegnern der „industriellen“ Landwirtschaft unterstützt werden.
Allerdings: Die Landwirtschaft befindet sich durchaus in „guter Gesellschaft“, was das Urteil der Öffentlichkeit zu biologisch-technischen Neuentwicklungen angeht. Sobald diese näher rücken, gehen die Emotionen hoch:
- So ist zwar die gesamte Bevölkerung für billigen Strom – bei Atomkraft- und Braunkohlewerken heißt es aber „nein, danke“. Woher soll aber der billige Strom kommen?
- Eine ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln ist für die Bevölkerung längst selbstverständlich – doch mit Vehemenz ruft man „Gentechnik nein“. Dabei ist unstrittig, dass über 50 % des Sojaanbaus mit gentechnisch veränderten Pflanzen erfolgt – und ohne diese Pflanzen die Versorgung mit Eiweißfuttermitteln zusammenbrechen würde.
- Nach wie vor kaufen Bundesbürger möglichst billige Nahrungsmittel. Doch wenn der daraus resultierende Kostendruck in der Viehhaltung dazu führt, dass nur noch große Ställe konkurrenzfähig sind – dann heißt es wiede-rum: „Nein, danke“, diese Massentierhaltung wollen wir nicht.
- Ähnlich bei Biogas und Windkraft. Solange diese Anlagen weit weg vom eigenen Wohnort sind, ruft man Ja – je näher die Anlagen rücken, desto größer die Skepsis.
Den „starren Blick auf den eigenen Kirchturm“ muss man auch vielen Kommunen bescheinigen. So ist der Politik, der Öffentlichkeit, erst recht der Landwirtschaft längst klar, dass der enorme Verbrauch landwirtschaftlicher Flächen in Deutschland von täglich rund 120 ha nicht weitergehen darf – in 100 Jahren würden 30 % der landwirtschaftlichen Fläche verschwinden. Doch wie entscheiden Kommunen, wenn es um die Ausweisung von Gewerbegebieten oder den Bau neuer Straßen geht? Allein mit Blick auf den eigenen Kirchturm werden neue Bau- und Gewerbegebiete ausgewiesen und Straßen befürwortet, statt sich intensiv mit den Möglichkeiten einer flächenschonenderen Vorgehensweise zu befassen.
An anderer Stelle braut sich für Betriebe, die in der Viehhaltung wachsen wollen, neuer Widerstand zusammen. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft hat zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz ein Netzwerk gegen die „industrielle Landwirtschaft“ gegründet. Gemeinsam mit einer Reihe von Bürgerinitiativen will man eine Plattform gegen „agrarindustrielle Entwicklungen“ erarbeiten, Bündnispartner gewinnen und gemeinsame Aktionen planen. Es geht darum, schwerpunktmäßig in Südoldenburg, Nordrhein-Westfalen und an anderen Standorten „tierquälerische und umweltbelastende Agrarfabriken“ zu verhindern, so das Ziel der „Plattform“.
So weit, so gut. Doch wer definiert in Zukunft welche Ställe „gut“, welche „böse“ sind? Ein Tierschützer versteht unter industrieller Landwirtschaft etwas ganz anderes als ein Landwirt. Welche Kriterien sollen künftig noch für Stallbauten gelten – diejenigen, die von dieser Initiative für gut befunden werden? Gelten dann die gesetzlichen Grundlagen für die Genehmigung von Stallbauten nicht mehr? Bestimmen Bürgerinitiativen, Tier- und Umweltschützer künftig darüber, wer wo welche Ställe bauen darf?
Die Gefahr ist groß, dass alte Vorurteile wieder aus der Schublade gezogen werden. „Groß gleich böse“ und „klein gleich gut“ – danach darf man Stallbauten nicht beurteilen – schon deshalb nicht, weil moderne Ställe aus Sicht von Tierschutz- und Tierhaltung herkömmlichen Anlagen in der Regel überlegen sind.
Zudem: Hat die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft vergessen, wie gerade der Bund für Umwelt- und Naturschutz in der Vergangenheit mit den Interessen der Landwirtschaft umgegangen ist? Dabei wurde die Veredlung pauschal diskriminiert, wurden Bauern an den Pranger gestellt und als Tierquäler verurteilt. Wenn man künftig gemeinsam mit dem Bund für Umwelt- und Naturschutz gegen Bauern vorgehen will, dann spaltet man den Berufsstand und hängt sich einseitig an eine einzige politische Partei.
Welch Schaden eine rein „ideologische“ Betrachtung von Stallbauten hat, zeigt die Entwicklung in der Hennenhaltung. Deutschland hat das Verbot der Käfighaltung vorgezogen – mit dem Ergebnis, dass die Eiererzeugung deutlich ins Ausland abgewandert ist. Das darf sich in der Schweine-, Hähnchen-, Puten- und Milchviehhaltung nicht wiederholen.
Bauern müssen die Chance haben, unter kalkulierbaren Rahmenbedingungen zu wachsen. Die Grenzen dafür sind gesetzlich festgelegt. Wenn „individuell“ nach dem Widerstand in der Bevölkerung darüber entschieden wird, wer wo bauen darf, dann „Gute Nacht“ Landwirtschaft.
Dr. Franz-Josef Budde,
Chefredakteur "Landwirtschaftliches Wochenblatt Westfalen-Lippe"
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